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Der ökonomische Glaube

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Gott ist allmächtig.
Der Kirchentag in Hamburg hat das eindrucksvoll unterstrichen. Für viele, auch der geneigten Besucher, kam das Himmelsfest allerdings eher bombastisch daher. Nicht im Sinne eines Bostoner Marathons, Gott sei Dank.
Monströs ist passend, flüstert Larissa mir ins Ohr. Wir haben uns ins norddeutsche Umland zurückgezogen. Hier ist Gottes Stola nicht so erdrückend.
Und – der Heilige Vater vergisst Niemand. Auch so eine Floskel, an der nicht einmal der Satzbau stimmt. Treffender wäre, der Heilige Vater vergisst nicht.
Gottes Stellvertreter im Markranstädter Land, das liegt vor den Toren Leipzigs, sieht das verdammt pragmatisch.
Alfred, ein Schäfchen seiner Glaubensgemeinde, ist verstorben. Im seligen Alten von 82 Jahren.
Alfreds Ehefrau Karola sitzt vor mir. Wir besprechen die Trauerfeier und die Beisetzung; Alfred soll es an seinem letzten Tag im Kreise seiner Lieben noch einmal richtig gut haben, bevor ihn die Erde wieder zu sich holt. Asche zu Erde… oder so ähnlich.
Karola und Alfred haben fast 70 Jahre, jeden Sonntag, den Gottesdienst besucht und sich heimisch gefühlt. Der Pfarrer hatte immer warme Worte, auch in kalten Wintern. Das tat gut. Sieben Jahrzehnte lang.
Vor ein paar Jahren begannen bei Alfred die Wehwehchen. Es fiel ihm zusehends schwerer, den beschwerlichen Weg zum Sonntagsgebet zurückzulegen. Trotzdem biss er sich lange durch. Stolz prahlte er dann am Mittag von seiner übermenschlichen Energieleistung vor den Kumpels am Stammtisch „Zum Alten Wilhelm“. Der Glaube versetzt eben doch Berge.
Jetzt also ist Alfred nicht mehr. Fast nicht mehr. Nicht mehr so wie früher.
Noch liegt er in unserer modernen Kühlung, doch morgen bringen wir ihn ins Krematorium.
Karola will nicht dabei sein. Sie hat bereits Abschied genommen.
Auch Pfarrer Zinnowitz* hat seine Entscheidung getroffen. Er wird keine Worte für Alfred sprechen, keinen Gruß des Heiligen überbringen und die letzte Ölung lieber seinem eigenen Rachen gönnen.
Alfred lag die letzten Jahre sonntags um Zehn lieber auf der warmen Couch, statt seinen Hintern auf den kalten Marmor der Dorfkirche zu bewegen. Er fiel ihm aber doch so schwer; der steile Weg da hoch. Jeder Schritt eine Überwindung. Auch die Krücken halfen nicht wirklich.
Trotz ungläubiger Nachfrage bestätigt mir Pfarrer Zinnowitz; Alfred war kein Gemeindemitglied mehr – und auch, wenn er fest an den Kanzelmann glaubte, für abtrünnige Gläubige bewegt Pfarrer Zinnowitz weder seinen Arsch, noch rät ihm der liebe Herr da Oben, dies zu tun.
Die Kirche ist für alle da. – Da; aber nicht hier.
Alfred muss endgültig auf den Segen seines Gottes verzichten.
Ich bin machtlos bei so weiträumig ausgelegtem Kirchentagsgeschwätz.
Ich besorge ihm einen weltlichen Redner. Oder eine Rednerin. Oder einen Stammtischkumpel.
Karola ist mir unendlich dankbar und Alfred klopft mir des Nachts als Geist auf die Schulter.
Wir finden unseren Frieden.
Pfarrer Zinnowitz hat die Gardinen heruntergelassen, den Raum verdunkelt, er schreibt bei Kerzenlicht an seiner Predigt für nächsten Sonntag „Die Ökonomie des Glaubens“.
Könnte auch vom Trierer Karl sein.

Wenn große Kreuze vorn dich schmücken,
so kriegst du’s bald mit Kreuz und Rücken.
Die Kirche braucht ein neues Schiff,
die Schäfchen einen letzten Schliff.
Denn wenn dein Gott dich segnen soll,
geht das nicht ohne Kirchenzoll.
Und die Moral von der Geschicht‘?
Ohne Steuer bleibt nur das Fegefeuer.
(frei nach Dieter Süverkrüp, Zupfgeigenhansl und Wilhelm Busch)

©casus. 2013
*Name geändert.

Eine Antwort

  1. casus
    | Antworten

    Da Peter Wilhelm in seinem bestattweblog.de diesen Artikel veröffentlichte, war die Basis für eine ziemlich kontroverse Diskussion gelegt. Und genau so kam es dann auch. Vom Vergleich der christlichen Kirche mit einem Hundezüchterverein bis zum zustimmenden „Auf jeden Fall“ reichte das Spektrum der Kommentatoren.
    Danke allen, die sich beteiligt haben. Es war eine interessante Erfahrung.
    Es gibt übrigens Pfarrer, die sich dem christlichen Glauben und den Menschen, die einen inneren Frieden finden wollen, verpflichtet fühlen. Auch in Leipzig.
    Nachlesen hier: -> http://bestatterweblog.de/keine-worte-fuer-alfred/

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