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„Der Tod war für mich nie ein Tabu-Thema“ – Unsere Anne in den Medien!

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Das Berufsbild des Bestatters wird oft mit alten, grauhaarigen Männern in dunklen Anzügen in Verbindung gebracht. Anne-Katrin Sommer ist genau das nicht. Sie ist erst 26, aber schon seit Jahren im Geschäft. Mit stadtgottes.de sprach sie über den beruflichen und privaten Umgang mit dem Tod.

Der Originalartikel ist hier zu finden.

Das Hauptgebäude des Bestattungsdienstes Hoensch in Leipzig-Schönefeld ist ein großer, puristischer Komplex. Die Sterilität strahlt eine gewisse Ruhe aus. Im Foyer liegt ein süßlicher Duft, ein paar Blumen schmücken den Eingangsbereich. Über der grauen Designercouch hängen gerahmte Zertifikate. Anne-Katrin Sommer kommt mit dampfendem Kaffee in die Sitzgruppe. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet. Die langärmelige Bluse hat sie hochgekrempelt, die rot-blonden Haare sind zum Zopf gebunden.

„Ich bin früher schon gerne über den Friedhof gegangen“, erzählt die gebürtige Chemnitzerin. Die Parkanlage und die damit verbundene Ruhe habe sie begeistert. Der Tod war in der Erziehung nie ein Tabu. „Ich habe noch nie Angst vor dem Tod gehabt“, erklärt sie. Mit ruhiger Stimme reflektiert sie ihre Einstellung zum Tod, eine ernste Miene setzt sie dabei nicht auf. Ganz im Gegenteil, ein freundliches Lächeln zieht sich über das sommersprossige Gesicht. Der Tod sei doch vielleicht nur das Verlassen des menschlichen Körpers und ein Übergang zu Gott, bei dem die Seele die menschliche Hülle verlässt. Sie persönlich könne sich jedenfalls nicht vorstellen, dass nach dem Tod nichts ist.

Anne-Katrin Sommer ist keine Exotin mehr in ihrem Job: Die Zahl der Bestatterinnen steigt

Anne-Katrin Sommer ist keine Exotin mehr in ihrem Job: Die Zahl der Bestatterinnen steigt

Aber wie kommt eigentlich eine junge Frau dazu, Bestattungsfachkraft zu werden? Bei Anne-Katrin Sommer war es ein Prozess. Immer schon war ihr klar, dass sie etwas mit Menschen machen wollte. Einige Praktika, unter anderem in der Altenpflege, haben ihr allerdings nicht so zugesagt. Als eine Klassenkameradin begeistert von ihrer Arbeit bei einem Bestatter erzählte, weckte das ihr Interesse und sie absolvierte ein Praktikum in einem Bestattungsunternehmen. Anschließend war ihr klar: „Das und nichts anderes.“ Vertieft hat sich ihr „morbides Interesse“, wie sie es selbst nennt, durch die Ausstellung Körperwelten des Initiators Gunther von Hagen, bei der es sehr plastische Einblicke in menschliche Körper gibt.

Nach ihrem Abitur beginnt sie 2007 die Ausbildung. In den drei Jahren lernt sie alles vom Überführen einer Leiche, über das Waschen, bis hin zu den Beilegungen. Sie ist dabei als Frau keine Ausnahme. Allgemein nimmt die Zahl der Frauen in diesem Berufszweig zu. Alte Männer in grauen Anzügen wird es also in Zukunft immer weniger geben.

Routinierter Umgang mit dem Verstorbenen
Beim Waschen und Desinfizieren der Verstorbenen zeigt sie keine Berührungsängste. Schließlich solle der Mensch doch in ordentlichem Zustand in die Ewigkeit eintreten. Sachlich, fast wissenschaftlich wirkt ihre Erklärung der Vorbereitung eines Leichnams. Wenn sie davon erzählt, wie wichtig es ist, dass bestimmte Körperöffnungen bei der Behandlung geschlossen werden müssen, klingt das bei ihr ganz natürlich. Die Erklärung, wie man den Rachenbereich versiegelt, damit später bei der Überführung keine Magensäure austritt, klingt dann weniger nach Horrorfilm, als nach routinierten Abläufen.

Einen Leichnam zu waschen, ist für die junge Frau mittlerweile zur Routine geworden

Einen Leichnam zu waschen, ist für die junge Frau mittlerweile zur Routine geworden

Schwieriger sind für sie körperlich anstrengenden Überführungen: Wenn der Verstorbene aus dem fünften Stock eines Wohnhauses hinuntergetragen werden muss, ist sie froh über männliche Unterstützung. Auch die Betreuung der Angehörigen in dramatischen Fällen, wie einem Suizid oder einem plötzlichen Unfalltod, ist oft noch eine Herausforderung für die 26-Jährige. „Floskeln sind da fehl am Platz“, erklärt sie. „Man beteuert auch kein Beileid, sondern spricht seine Anteilnahme aus.“ Es sei ein Beruf, in dem man nicht abstumpfen darf, denn es gehe nie rein ums Geschäftliche, sondern darum, den letzten Abschied so schön, wie möglich zu gestalten, sagt Anne-Katrin Sommer.

Seit fünf Jahren arbeitet sie jetzt schon im Familienunternehmen Hoensch in Leipzig-Schönefeld. In dieser Zeit hat sich nicht nur die Bestattungskultur geändert – in Leipzig und Umgebung gibt es mittlerweile fast 90 Prozent Feuerbestattungen – sondern sie hat auch gelernt, dass jüdische Gräber nach Jerusalem und muslimische nach Mekka ausgerichtet werden müssen.

Für Anne-Katrin Sommer ist das alles ganz normaler Alltag. Daher findet sie es auch nicht ungewöhnlich, dass in den Räumlichkeiten des Bestattungsunternehmens snicht nur Trauerfeiern, sondern auch kulturelle Events stattfinden. „Unser Unternehmen hat den Anspruch, das in der Gesellschaft oft tabuisierte Thema Tod ins Leben zu holen.“

Während des Gesprächs öffnet sich eine Seitentür und zwei Männer in Anzügen kommen heraus. Um sie herum ein Geruch von Desinfektionsmittel. Nebenan wurde ein Mensch gereinigt und aufgebahrt. Ein mulmiges Gefühl für Außenstehende, nicht für die junge Bestatterin. „Mein kleiner Sohn tollt manchmal ganz unbefangen hier durch die Räume“, erzählt sie und zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Das ist nichts ekliges, mysteriöses hier!“ Nein, das ist das Leben.

Text und Fotos: © Christoph Minkenberg

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