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Volle Macht ohne Vollmacht – ein Pfingstmärchen.

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Elly war Leipzigerin. Bis gestern Abend.
Das Streichen aus dem Einwohnermelderegister und die Aufnahme im Sterberegister dürfte auch am Pfingstsonnabend funktionieren. Wenn nicht, merkt es auch keiner.
Überhaupt nicht dagegen funktioniert die Kommunikation zwischen der Rettungsstation im Klinikum Dahme-Spreewald, der Aufnahme in der zum Klinikum gehörenden Spreewaldklinik Lübben und dem Leipziger Bestatter, der von eben dieser Rettungsstelle angerufen wird, Elly abzuholen.
Pfingsten in Leipzig ist gewohntermaßen Schwarz und auch, wenn es mittlerweile kein Tabubruch mehr ist, buntschillernde Farbnuancen unterzumischen – „Schwarze Guggen“ gehört zu Leipzig wie andernorts die Toilettengebühr zum Erholungspark.
Elly hat mit den Schwarzen nicht so viel am Hut und deshalb über Pfingsten eine Spreewaldtour gebucht. Das Wetter spielt mit, die Mücken sind noch in der Embryophase und die Kahnführer angesichts der jungen Saison noch richtig gut drauf. Ideale Voraussetzungen für ein erholsames Wochenende fernab des hiesigen Großstadttrubels.

Es kommt anders.
Elly verkraftet den Wetterumschwung nicht, ihr Herz hört einfach auf zu pumpen. Der Tod tritt schnell ein. Jede Hilfe kommt zu spät. Der 75. Geburtstag nächsten Monat wird ihr erster sein, den sie nicht mehr miterlebt.

Die Spreewaldklinik besteht auf sofortiger Abholung, eine Vollmacht der Angehörigen wird nicht benötigt, so die Rettungsstellendiensthabende, Frau Ellinger*.
Das ist zwar ungewöhnlich, denn eine Vollmacht ist Standard, wenn fremde Bestatter überregional abholen. Aber wer weiß, im Spreewald wachsen auch die Mücken schneller.

(c)casus. 2013
(c)casus. 2013

Es ist unser dritter Einsatz seit Dienstschluss gestern Nachmittag. Allerdings der erste, der nicht unter 5 Stunden über die Bühne gehen wird. Frau Ellinger sei Dank.
150 Kilometer B87; es gibt Angenehmeres am Pfingstsonnabend. Wir schlängeln uns um dutzende Laster, Feiertagsunternehmer, Hutfahrer und –fahrerrinnen, Motorradausflügler und jede Menge während-der-Autofahrt-die-schöne-Natur-genießende Sonntagsfahrer. Es ist fast zum Verzweifeln. Doch wir sind es gewohnt. Leider.

Endlich angekommen – die zu befürchtende Nicht-Überraschung: „Ohne Vollmacht geben wir nicht raus.“ Natürlich nicht, würde ich auch nicht. Klinikchefin nicht erreichbar. (Frauen und Händies!)
Niemand da, der eine Entscheidung trifft.
Pfingsten.
Aber auch an Feiertagen müssen Menschen betreut und versorgt werden. Verstorbene und Hinterbliebene gehören dazu.
Wir geben nicht auf. Telefonieren. Erreichen endlich die Klinikchefin, erreichen Frau Ellinger, erreichen unseren Auftraggeber und unseren Chef. Es dauert trotzdem noch gute 30 Minuten, bis auch heute das papierlose Büro obsiegt. Dann allerdings geht alles sehr schnell. Und haste nicht gesehen, habe ich den Hintereinganggeneral und den Kühlfachschlüssel Nummer 6 in der Hand, bewege mich ganz allein in einer fremden Klinik, quer durch dicke Stahltüren, die eher den hochgesicherten Kellerbefestigungen moderner Banken ähneln.
Elly wartet schon auf uns. Sie scheint zu schlafen. Kurze Erstversorgung, ab ins Holzkörbchen und den von der Sonne gut aufgewärmten Lang-Benz. Schlüssel bekommt die Diensthabende zurück und wir begeben uns auf Heimfahrt, nehmen dieses Mal die Autobahn. Auch, weil da keine Stare in heimtückischen Kästen warten.

Knapp zwei Stunden später, nach insgesamt über fünf Stunden, haben wir Elly in unserer Kühlung gut untergebracht. Die Heimat hat drei treue Bürger zurück.
Es ist weiter Pfingsten und es bleibt nicht unser letzter Einsatz.
Im Spreewald kommen die Mücken langsam in Form.
Ohne Vollmacht keine volle Macht … dem Dienstleister.
*Name geändert.
Foto und Text: ©casus. 2013

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