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Wer bestattet zum Tode Verurteilte?

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Heute habe ich Paul* abholen müssen.
Paul hat mehr als 20 Jahre gegen das Geschwür in seinem Körper gekämpft. Fast schien es geschafft.
Long John Gold, der ebenfalls leicht betagte Hauskater, wusste es bereits vorgestern. Er hielt sich in sicherem Abstand. Jetzt hat er nur noch miauzt.
Paul hatte ein bewegtes Leben, mit fast allen Höhen und Tiefen, er ließ nichts aus.
Vor drei Dutzend Jahren rettete ihm ein in letzter Minute aufgetauchter Zeuge das Leben. Paul war von einer Streife aufgegriffen worden, weil kein Mensch außer ihm weit und breit zu sehen, der fremde Mann am Straßenrand blutüberströmt war und der Körper noch immer Normaltemperatur aufwies. Die Streife zögerte keinen Moment, Paul musste der Täter sein. Die Staatsanwältin schloß sich dankend an und der Richter wollte pünktlich zum Lunch.

Heute nun wurde das Urteil vollstreckt, spät, sehr spät. Und nicht durch Menschenhand.

Als wir ihn die engen Stufen hinab trugen, ging mir eine Frage nicht aus dem Kopf: Wer bestattet zum Tode Verurteilte?
Sicher, in Deutschland ist dieser Job nicht zu vergeben. Eine Antwort wäre trotzdem nicht übel!
Ganz anders die Amis. Dort ist die Antwort existenziell.
Wo hingehenkert wird, wird auch hergerichtet – die Henkersmahlzeit.
Die heißt nicht so, weil der Henkersknecht noch schnell einen Burger verdrückt bevor er das Beil schwingt, die Spritze setzt oder den Schalter am Stuhl umlegt. Die Henkersmahlzeit ist das Wunschgericht des Deliquienten, das letzte allerdings.

Zu nicht unerheblichem Ruhm kam dereinst der Koch am Huntsville Unit, dem Staatsgefängnis von Huntsville, den ältesten, staatlich subventionierten schwedischen Gardinen von Texas. Weil den meisten Anspruchsberechtigten nichts besseres als das eingängige Hamburger einfiel, servierte der Küchenchef Brian Price gern Soßen, Beilagen, Nachtisch und einen Absacker.
Das sprach sich rum, die Ansprüche stiegen, die Speisekarte verdiente so langsam ihren Namen und Brian wuchs über sich hinaus. Manch einer der langjährig Einsitzenden konnte es kaum erwarten, die tägliche Wassersuppe gegen ein zartes Entrecôte einzutauschen.

Price machte später aus der Tugend ein Geschäft und brachte die Rezepte in Buchform erst in die gefängniseigene Bibliothek und dann auf den internationalen Buchmarkt.

Meine Frage fand ich nicht beantwortet, aber immerhin gabs ein saftiges Rindersteak zum Abend.
Es spricht alles dafür, dass es nicht das letzte war.
Wer hats geschrieben? Brian Price, der Chefkoch von Huntsville Unit.
R.i.p., Paul.

(c)casus.2013
*Name geändert.

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