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Zu nah, zu fern, zu viel, zu wenig. Ein Notstand.

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Die heutige Lokalzeitung hat mich aus allen meinen Träumen gerissen.

Zeitungsende
Zeitungsende

Ganz fest hatte ich mir vorgenommen, über diese Begebenheit nichts zu schreiben, einfach unter den Tisch kehren und so tun als sei es das Normalste der Welt.
Da kommt mir das am Volk vorbeischreibende Tagesblatt in die Quere. „Sachsen macht gegen den Pflegenotstand mobil“, so der headliner und darüber abgebildet zwei Sportlerinnen, die sich vorsichtshalber mal schon richtig schön lustig darüber machen. Pflegenotstand also.

Reininterpretieren kann jeder was er möchte, das ist nun mal so bei Wortschöpfungen, die nicht im Duden stehen und über die die wikipedia berichtet „Pflegenotstand ist ein politisches oder berufspolitisches Schlagwort…“. Obendrein wird Sozialministerin Klauß* zitiert und von Chefsache gesprochen. Wohl eher Chefinsache. Denn wer wenn nicht das regierende Sozialministerium hatte es in den vergangen Jahren in der Hand, vorausschauend und weitblickend die Tendenzen zu erkennen und in die politische und gesellschaftliche Arbeit einfließen zu lassen? Notstand kommt von Rotstift. Also hausgemacht, Frau Klauß.
30.000 Vollzeitstellen in 17 Jahren – das nenn‘ ich Weitblick. Tut sich demnach jetzt doch etwas? Okay, da steht nicht, wann die 17 Jahre beginnen, aber immerhin.
Letzten Donnerstag besuchte ich mit der Tochter die pflegebedürftige Mutti. Wir hatten den bereits eingeäscherten Vati unterm Arm, ein schönes Foto aus besseren Tagen und einen Regenschirm, denn der Mann weinte aus vollen Zügen vom Himmel herab. Ein Zeichen wohl.
Die Frau sollte ein letztes Mal von ihrem geliebten Ehemann Abschied nehmen können. Sie leidet unter schwerer Alzheimer und ist 23 Stunden bettlägerig. Am Tag darauf war die Beisetzung des Mannes.
Im Heim empfängt uns eine junge Frau, führt uns in das richtige Zimmer. Sie hat die Omi bereits schön angezogen und in den Rollstuhl gesetzt, ihr etwas zu trinken hingestellt und sie auf uns vorbereitet. Frau Härtel* ist überglücklich.
Ich kann mit ihr reden, sie nickt oder schüttelt den Kopf, aber sie drückt meine Hände ganz fest, bei manchen Sätzen noch fester. Die junge Pflegekraft lächelt, sie hat wohl ähnliche Erfahrungen gemacht. Zum Schluss drückt Oma Härtel das Foto ganz fest an ihren Kopf und will es fast gar nicht wieder loslassen. Ich verspreche ihr, dass sie es nach der Trauerfeier und Beisetzung geschenkt bekommt. Ich fühle mich so machtlos. Mehr geht nicht.
Die Stationsleiterin kann da nur müde lächeln. „Die alte Frau kriegt sowieso nichts mit.“
Mich schauderts bei so viel Gefühlskälte. Natürlich hat sie alles verstanden, eben auf ihre Art. Nur weil sie es nicht in Worten ausdrücken kann?
Ich habe kein gutes Gefühl als ich das Heim verlasse.

Gestern erfahre ich in einem Telefonat, dass die junge Pflegekraft, die übrigens in ihrer Freizeit an der Trauerfeier teilgenommen hat, noch am gleichen Tag gekündigt wurde. Wegen zu viel Patientennähe.
Ich fass‘ es nicht.
Immerhin kann die Stationschefin weitermachen. Wegen ausreichendem Patientenabstand.
Ein gutes Omen für die 30.000 Neuen. Nehmt euren Beruf ernst und lasst die Patienten links liegen, weitgenug links. Das ist dann schon fast wieder rechts.

©casus. 2013
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